﻿{"id":10,"date":"2018-02-13T08:50:22","date_gmt":"2018-02-13T07:50:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-gentlemans.club\/?p=10"},"modified":"2018-02-13T08:50:22","modified_gmt":"2018-02-13T07:50:22","slug":"hautgout-o%cb%90%cb%88gu%cb%90-von-frz-haut-gout-woertl-hoher-geschmack","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.the-gentlemans.club\/?p=10","title":{"rendered":"Hautgout (o\u02d0\u02c8gu\u02d0, von frz. haut go\u00fbt, w\u00f6rtl. \u201eHoher Geschmack\u201c)"},"content":{"rendered":"<p>\u201eDas Begehren nach Statusanerkennung verlagert sich auf die immaterielle Seite\u201c, sagt der Medientheoretiker Norbert Bolz. Weshalb man den Luxus des 21. Jahrhunderts \u201eauf der Ebene des Zerebralkonsums\u201c suchen m\u00fcsse, wo sich der Akademiker ohnehin am wohlsten f\u00fchlt. Dazu passen Umfragen von Allensbach, nach denen Menschen au\u00dfer f\u00fcr die Einrichtung ihrer Wohnung vor allem f\u00fcr Ern\u00e4hrung und Reisen Geld ausgeben und bekunden, dass ihnen Dinge wichtig sind, die f\u00fcr Geld nicht zu haben sind: Zeit, Fitness, sch\u00f6ne Erlebnisse mit Freunden. Im postmodernen Statuskonsum verschr\u00e4nken sich materielle mit immateriellen W\u00fcnschen und Idealen. Deshalb werden die Dinge \u00fcber ihren Gebrauchswert hinaus mit Erlebnissen, Gef\u00fchlen und Werten aufgeladen.<\/p>\n<div>\n<p>Der an der Europa-Universit\u00e4t Viadrina in Frankfurt an der Oder lehrende Kultursoziologe Andreas Reckwitz hat in seinem j\u00fcngst erschienenen Buch \u201eDie Gesellschaft der Singularit\u00e4ten\u201c deren Portr\u00e4t gezeichnet, das Bild einer Klasse von begabten Nonkonformisten, die um Anderssein bem\u00fcht sind, um es mit anderen aus ihrer Peergroup zu teilen. Vor allem Design und Produktimage werden wichtig, wenn die Biografie zum Stilprojekt avanciert: Man sucht sein Heil in der Ausgestaltung seiner Existenz mit besonderen, unverwechselbaren Dingen und Erlebnissen. Weshalb man bei der Abendeinladung vom Besuch bei einem jungen, genialischen Moselwinzer schw\u00e4rmt oder von der Vintage-Fotografie aus den Drei\u00dfigerjahren, die man in einer kleinen, feinen Berliner Galerie erworben hat.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p>Im \u201eModus der Singularisierung\u201c, so Reckwitz, wird das Leben \u201enicht einfach gelebt\u201c, nein, es wird komponiert und \u201ekuratiert\u201c: Das kreative Subjekt stellt seinen Konsum aus Versatzst\u00fccken virtuos zusammen, von der Garderobe bis zum n\u00e4chsten Reiseziel. Man \u201ekauft\u201c sich nicht \u201egl\u00fccklich\u201c, sondern w\u00e4hlt Dinge aus, die einen \u201ekulturellen Mehrwert\u201c haben, gibt sich antikonventionell, sucht nach Konsum-Arrangements, die eine pers\u00f6nliche Handschrift verraten.<\/p>\n<p>Daher das Spiel mit Stilbrechungen: So wird im Wohnzimmer der Bauhausklassiker vor Sichtbeton oder nackte Ziegel gestellt (Tapeten nur handbemalt) und mit dem Torso einer Maske kombiniert, die man als Souvenir von einer Neuguinea-Reise mitgebracht hat (blo\u00df kein Massentourismus). Am Wochenende wechselt das Kickboxtraining mit dem Achtsamkeits-Kurs. Und im Kurzurlaub in Kapstadt steht neben dem Besuch des Zeitz Museum of Contemporary Art Africa eine Township-Tour auf dem Sightseeing-Programm. Eine Konsumstrategie, die sich doppelt auszahlt: nach \u201einnen\u201c f\u00fcr den Konsumenten, der sich bereichert f\u00fchlt, nach \u201eau\u00dfen\u201c f\u00fcr Freunde und Bekannte (auch die in den sozialen Netzwerken), bei denen der Konsumvirtuose l\u00e4ssig punktet und l\u00e4chelnd die \u201eWas du alles machst\u201c-Blicke einheimst (gern in Form von Foto-Postings, die ihn beim Rafting in den Rocky Mountains zeigen).<\/p>\n<p>Dabei m\u00fcssen die Konsumdinge der neub\u00fcrgerlichen Mittelklasse nicht einzigartig sein oder teuer, sondern originell inszeniert. Dann hat das schr\u00e4ge Vintage-St\u00fcck vom Flohmarkt auf dem Jan-Kath-Teppich Platz, und die wurmstichigen Bio\u00e4pfel vom Odenwaldbauern ruhen geschmackvoll auf der Siematic-Arbeitsplatte aus Schiefer. Ausgesuchte, meist luxuri\u00f6se Konsumg\u00fcter, die der Statusskepsis der neuen Mittelklasse nicht widersprechen. Sie pflegt, wie Reckwitz sagt, einen \u201ematerialistisch grundierten Postmaterialismus\u201c, der betr\u00e4chtliche Statusinvestitionen erfordert: Man sch\u00e4tzt Einfachheit, egal, was es kostet, setzt seinen Ehrgeiz in Erlebnisse und Erfahrungen auch jenseits von Besitz. Kurz, man sucht kulturelles statt materielles Kapital, m\u00f6chte zur Wissens- statt zur Geldelite geh\u00f6ren.<\/p>\n<p>(aus WiWo vom 13.02.2018)<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eDas Begehren nach Statusanerkennung verlagert sich auf die immaterielle Seite\u201c, sagt der Medientheoretiker Norbert Bolz. Weshalb man den Luxus des 21. Jahrhunderts \u201eauf der Ebene des Zerebralkonsums\u201c suchen m\u00fcsse, wo sich der Akademiker ohnehin am wohlsten f\u00fchlt. 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